Einigungshilfe

Wie Mediation funktioniert: Streit um den Sitzplatz

Wenn zwei Kinder sich streiten, welches von beiden bei einer längeren Autofahrt vorne auf dem Beifahrersitz Platz nehmen darf, kann das von den Kindern selbst oder vom Vater auf unterschiedliche Weise geregelt werden.

Üblich sind vergangenheitsorientierte Argumente, die an Gerechtigkeit appellieren („Wer saß letztes Mal vorne?“ „Wer hat schon wie oft vorne gesessen?“) oder Kompromisslösungen („Du zuerst und Du dann nach der Mittagspause“). Beides hat viele Vorteile, aber auch Nachteile: Im besten Fall bekommt jedes Kind die Hälfte von dem, was es wollte, und die Stimmung ist trotzdem nicht wirklich urlaubsartig.

Wenn eine wirklich befriedigende Lösungen gefunden werden soll, braucht es ein genaueres Hinsehen: Wofür ist der Platz vorne den beiden Kindern so wichtig? Die Zeit, das herauszufinden, ist gut investiert: Da ist zunächst natürlich die Symbolik „vorne = wichtig“ und, wenn schon ein richtiger Streit entstanden ist, der Wunsch nach Durchsetzung: „Ätsch!“. Beides verständlich, aber das ist noch nicht alles. Vielleicht kommt ein geduldiger Vater mit etwas Hinhören noch zu weiteren Argumenten, die nicht mehr allgemein sind, sondern nur für genau diese Menschen zutreffen.

Da ist die 12-jährige Maria, die nicht nur aus Prinzip vorne sitzen möchte, sondern weil sie dem Vater etwas Bestimmtes zu erzählen hat, und das funktioniert erfahrungsgemäß nicht, wenn man hinter ihm sitzt, weil er nicht so gut hört. Und da ist Lena, acht Jahre alt, der das etwas peinlich ist, die dann aber doch herausrückt: Sie will nicht (nur) aus Prinzip vorne sitzen, sondern weil ihr hinten im Auto schneller übel wird, und sie will sich auf keinen Fall wieder so erbrechen wie bei der letzten Fahrt. Beides sind Argumente, die ein Vater – glauben Sie mir! – sehr wohlwollend aufnehmen wird, und keinesfalls ignoriert sehen will – zum Wohle der Vater-Tochter-Beziehung im einen Fall, zum Wohle aller Mitfahrer im zweiten Fall.

Und vielleicht reicht dieses Aufnehmen der eigentlichen Interessen schon: Haben beide Geschwister die Gründe der anderen gehört und akzeptiert (und das ist nicht schwer – sie richten sich ja in keiner Weise gegen die jeweils andere, eher im Gegenteil), werden sie selbst auf Lösungen kommen: Zum Beispiel übernimmt Mutter das Lenkrad, Lena sitzt vorne, und Maria kann dem Vater, der mit hinten sitzt (und daher ungeteilte Aufmerksamkeit schenken kann), ihre wichtigen Erlebnisse berichten. Womöglich haben jetzt beide Kinder den Eindruck, sich voll durchgesetzt zu haben.

Und vielleicht dauert das gar nicht so lange wie gedacht, und bei der nächsten Pause kann wieder über eine andere Sitzordnung nachgedacht werden – ohne Streit, im Wissen, dass die eigenen Anliegen gehört werden (z.B. auch das Bedürfnis des Vaters, seine Beine wieder etwas auszustrecken…).

Natürlich ist nicht jeder Konflikt so schnell zu lösen. Wie es in Ihrem Fall funktionieren kann, erarbeiten wir gemeinsam - nehmen Sie Kontakt auf.

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Weiterführende Literatur

Wie Mediation bei Jürgen von Oertzen ganz entsprechend bei Erwachsenen funktioniert, beschreibt ein Artikel über ihn und seine Arbeit in GEO Wissen - den Menschen verstehen: Warum wir streiten und Harmonie nicht immer gut ist, Mai 2017, S. 88 ff.

Als Hintergrundliteratur sei z.B. empfohlen Anita von Hertel: Grrr! Warum wir miteinander streiten und wie wir davon profitieren können, Campus 2006