Gefühle und Verantwortung in der Mediation
Wer trägt Verantwortung, wenn Tränen fließen?„Ich darf ja keine Kritik äußern, weil ihr sonst sofort die Tränen kommen.“, sagt der Vorgesetzte. Ist das nicht zu bequem? Jetzt ist also die Kollegin schuld, dass er keine Kritik äußern darf, sondern Energie aufwendet für Kritikvermeidung. Er versucht, ihre Fehler auszugleichen, statt mit ihr an einer Verbesserung zu arbeiten. Das allerdings ist letztlich „unbequem“, es kostet ihn Energie und letztlich schädigt es die Organisation.
Aber klar, man will keine wunden Punkte bei Anderen aufreißen, sondern gemeinsam Verantwortung dafür übernehmen, dass es insgesamt gut läuft zwischen allen und für alle. Hier allerdings übernimmt der Vorgesetzte eben keine Verantwortung, sondern vermeidet sie – es gehört nun einmal zu den Aufgaben einer Führungskraft, Kritik zu äußern. Er kann in seiner Verantwortung beschließen, dass es ihm zu aufwändig sei, mit weinenden Mitarbeitern umzugehen, oder dass es keine Aussicht auf Erfolg habe, und dass er deshalb andere Maßnahmen ergreift und auf Kritik verzichtet. Seine Entscheidung. (Unsere Empfehlung wäre allerdings, die Tränen anzusprechen; siehe unten.) Dürfen aber, wie eingangs behauptet, dürfen darf er. Er ist verantwortlich für seine Entscheidung, und eben nicht die Mitarbeiterin oder deren Tränen, zu deren angeblich hilflosem Opfer er sich macht, wenn er daraus ein Verbot für sich ableitet. In Verantwortung für seine Rolle muss er sogar mit fehlerhaften Leistungen seiner Mitarbeiter umgehen; in verantwortlicher Weise natürlich.
Man(n) darf ziemlich sicher sein, dass auch der Mitarbeiterin ihre Tränen auch unangenehm sind, und sie tut was sie kann, um sie zu vermeiden. Sie ist also auch Opfer ihrer Tränen – zumindest in einer Gesellschaft, einem Unternehmen, einer Familie, in der Tränen und die Weinenden abgewertet werden (meist, glaube ich, weil ein Mann nicht damit umgehen kann). Wenn sie versucht, Tränen zurückzuhalten, aber daran scheitert, ist sie eben das: gescheitert. Es ist ein Kontrollverlust. Und das ist erstmal unangenehm; unsere Zivilisiertheit verlangt, dass wir unsere Emotionen kontrollieren. Geht halt nur nicht immer. Also: Schämen. Dummerweise führt das schnell zu noch mehr Tränen.
Jetzt haben wir also zwei Opfer: Die Frau ist Opfer ihrer Tränen; der Mann ist auch Opfer ihrer Tränen. Früher oder später wird jemand auch einen Täter entdecken: Der bösartige Mann, der sie angeblich zum Weinen bringt; die bösartige Frau, die ihre Tränen angeblich taktisch gegen ihn einsetzt, oder meinetwegen die bösartige übergeordnete Führungskraft, die angeblich so eine aggressive Grundstimmung verbreitet – irgendwer muss ja schuld sein; wie soll man den Ärger, die Tränen, die Scham sonst aushalten!
Aushalten – das könnte vielleicht so eine Idee sein. Nicht vermeiden oder ignorieren, sondern: „Ich sehe da Tränen; möchten Sie eine Pause machen?“ Erstaunlich, wie oft Mann da ein Nein hört! Sie will gar nicht bemitleidet werden, sie will auch in Tränen noch dabei sein, gehört werden, ernst genommen werden – kurz: verantwortlich bleiben für sich selbst. Dazu mag eine Pause nützlich sein – macht ja nichts. Danach geht’s weiter. Vielleicht so: „Ja, stimmt, das bewegt mich sehr. Was Sie da nämlich angesprochen haben vorhin, da geht es ans Eingemachte. Es kann nicht sein, dass hier…“ – und dann kommt irgendein Bedürfnis, ein Wunsch, eine Sorge, und zwar eine wichtige, sonst hätte es keine Tränen gegeben. Scheinbar einfacher war die Welt, als der Vorgesetzte keine Kritik geäußert hat, keine Tränen kamen, alle wirklich wichtigen Bedürfnisse versteckt blieben, und es „irgendwie“ geklappt hat – bis es irgendwann nicht mehr klappt. Denn auf Dauer braucht es echten Kontakt, auch im Arbeits-Team, und einen offenen Interessenausgleich zwischen allen Teammitgliedern, um im Sinne der Organisation Leistung zu bringen.
Auch in Mediationen kommt es manchmal zu Tränen – in einem hinreichend geschützten Rahmen, der dafür Raum gibt und sie erträglich macht für alle Beteiligten, genau wie andere emotionale Äußerungen. Sie alle weisen auf wichtige Bedürfnisse und Interessen hin. Und damit sind wir dann wesentlich weiter auf der Suche nach dem, worum es eigentlich geht, und also nach konsensualen Lösungen. In voller Verantwortung.
Bin ich für meine Gefühle verantwortlich?
In der Gewaltfreien Kommunikation sollen wir selbst für unsere Gefühle Verantwortung übernehmen. Die Sichtweise ist so: Ein Verhalten anderer (z.B. wenn jemand mir die Vorfahrt nimmt) „macht“ uns nicht wütend, sondern kollidiert manchmal mit unserem eigenen Bedürfnis (z.B. zügig ans Ziel zu kommen). Aus diesem gefährdeten Bedürfnis entsteht erst unser Gefühl. Das können wir wahrnehmen und, statt sofort zu reagieren, für unser Gefühl Verantwortung übernehmen.
Wir können zwar nichts dagegen machen, dass das Gefühl jetzt gerade da ist. Aber wir können darauf „antworten“ mit einer Handlung unserer Wahl – z.B. Hupen, oder Toleranz üben, oder Schimpfen, oder nächstes Mal mehr Zeit einkalkulieren. Das Gefühl geht dadurch nicht weg. Aber wie ich damit umgehe, das entscheide ich. In Verantwortung für mich, meine Gefühle, meine Handlungen. Das hilft, mein Leben selbst zu steuern und Konflikte zu entschärfen.
Woran erkenne ich, ob es meine Verantwortung ist?
Im Konflikt ist es manchmal schwierig, Verantwortung richtig zuzuordnen. Manche fühlen sich auf einmal für alles verantwortlich, inklusive des Verhaltens anderer Menschen: „Ich darf ihn nicht reizen!“. Andere flüchten in die Verantwortungslosigkeit: „Ich kann nichts dafür, ich musste so handeln!“ (siehe den Text zu Tränen)
Wie ordnen Sie Verantwortung richtig zu?
- Schritt 1: Trennen Sie die Verantwortung von der Frage der Schuld. Antworten auf die Schuldfrage führen in aller Regel nicht zu konstruktiven Lösungen.
- Schritt 2: Ihre Verantwortung beginnt dort, wo Sie entscheiden und handeln können. Gestehen Sie sich insbesondere Ihre eigenen Gefühle zu und übernehmen Sie Verantwortung dafür, wie Sie damit umgehen. Das liegt nämlich in Ihrer Entscheidungsgewalt, auch dann, wenn die Emotionen von jemand anderem ausgelöst wurden. Wenn Sie authentisch und respektvoll eigene Bedürfnisse klar kommunizieren und umgekehrt offen zuhören, erfüllen Sie Ihre Verantwortung für eine gelingende Kommunikation und Kooperation. Oder Sie entscheiden anders und tragen die Konsequenzen.
- Schritt 3: Die Entscheidung hingegen, wie Ihr Gegenüber damit umgeht, liegt nicht bei Ihnen. Nehmen Sie nicht seine möglichen Reaktionen vorweg, als wären Sie dafür verantwortlich. Seine Gefühle, Einstellungen und Entscheidungen gehören in seine Verantwortung. Selbst dann, wenn Sie die Gefühle ausgelöst haben.
Indem ich meine Verantwortung annehme, aber auch klar zu der Verantwortung anderer abgrenze, schaffe ich Raum für echte Lösungen und verhindere, dass ich mich in Schuldgefühlen oder Kontrollversuchen verliere. Das entlastet und ermöglicht ehrliche Begegnungen auf Augenhöhe. Nicht nur im Konflikt, sondern auch im Alltag.
Gerne stehen wir Ihnen beratend zur Seite!
Kundenstimme
„Man fühlt sich bei Dr. von Oertzen von Anfang an, bereits beim Kennenlerntelefonat verstanden. Er nimmt die Fragen und Nöte, die man hat, sofort auf.
Die Mediation verläuft in sehr angenehmer, ruhiger Atmosphäre. Seine ruhige und subtile Gesprächsführung macht es einem leicht, alles anzubringen, was man auf dem Herzen hat.
Zumindest für uns war der Termin bei ihm sehr erfolgreich. Wir haben sehr schnell unsere Probleme klären können und hatten bereits nach nur der Hälfte der veranschlagten Zeit unsere Lösungsstrategien gefunden.“
Ärztinnen einer Gemeinschaftspraxis nach einer Mediation
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